Die Korbblütengewächse

Compositae

Gänseblümchen

Compositae wird diese Pflanzenfamilie genannt und das nicht ohne Grund: Compositae kommt von compositio, das ist lateinisch und bedeutet Zusammenstellung, Anordnung, Gestaltung. Was wird da in einem Korb zusammengestellt und gestaltet? Vielen botanisch vorgebildeten Lesern mag diese Frage banal erscheinen und doch reagieren die meisten von mir befragten mit einem Achselzucken, obwohl es sich hierbei um allgemein bekannte und überaus beliebte Pflanzen handelt, wie zum Beispiel die Sonnenblume, das Gänse-blümchen, die Margeritte, die Kamille, die Pusteblume (Löwenzahn), die Ringelblume, die Wegwarte und die verbreiteten Gartenblumen wie Dahlie, Zinnie, Kosmea und Aster…

Nähern wir uns aufmerksam einer solchen Compositenblume, zum Beispiel einer Sonnenblume: Wie Strahlen einer Sonne erkennen wir die leuchtend gelben „Blütenblätter“, um den meist dunkleren, inneren Blütenteller angeordnet. Aber gerade dieses innere Rund, das Zentrum der Blume, in dem wir normalerweise die Befruchtungsorgane, die Staubblätter und den Stempel erwarten, offenbart uns das Wesentliche, was allen Korbblütengewächsen gemeinsam ist. In diesem Inneren der Blume finden wir wiederum viele kleine Einzelblüten eng aneinander gedrängt. Demzufolge haben wir es hier gar nicht, obwohl es so aussieht, mit einer großen Blüte zu tun, sondern mit einem Blütenstand.

Einzelblüten der Sonnenblume
Einzelblüten der Sonnenblume

Betrachten wir zunächst so eine Compositen-Teilblüte genauer. Bei einer Sonnenblume erkennen wir die Blütenkrönchen der Einzelblüten mit ihren 5 verwachsenen Zipfeln recht deutlich. Beim Gänseblümchen benötigen wir hierzu schon eine Lupe. Diese Einzelblüten werden Röhrenblüten genannt.
Aus jeder Einzelblüte ragen je 5 Staubblätter (manchmal 3), deren Staubbeutel zu einer Röhre verwachsen sind. Aus einem unterständigen Fruchtknoten schiebt sich der Griffel durch dieses Staubbeutel-Röhrchen nach oben durch und fegt mithilfe feiner Härchen die Pollen heraus. Erst später, wenn die Pollen aus dem eigenen Blütchen durch Insekten verschleppt wurden, entfaltet der Griffel seine zweiteilige Narbe. So wird die Chance der Fremdbestäubung erheblich gesteigert.
Aus dem Unterständigen Fruchtknoten entsteht zur Reifezeit eine Art Nuss, die Achäne genannt wird. Die meist winzigen Kelchblätter werden oft zu einem borstigen, oder haarigen Flugorgan (Pappus) umgebildet. Die Fallschirmchen aus der Pusteblume des Löwenzahns sind hierfür ein sehr bekanntes Beispiel.

Wenn wir auf dem Blütenteller derart gestaltete Einzelblüten, die Röhrenblüten vorfinden, dann stellt sich nun die Frage, was sind denn wohl die "Blütenblätter" des Blütenstandes, die ja so sonnenstrahlig, strahlig-symmetrisch um den Blütenteller angeordnet sind, als wären sie richtige Blütenkronblätter? Auch hier handelt es sich um Einzelblüten, die sich aber zu Gunsten des ganzen Blütenstandes verändert haben: Die sogenannten Strahlenblüten entwickeln ihr fünfzipfliges Blütenkrönchen unverhältnismäßig groß und einseitig in die zur Außenseite des Blütenstandes gerichtete Richtung aus. Bei dieser Verwandlung vom Röhrenblütchen zum Strahlenblütchen, oder Zungenblütchen (wie es auch genannt wird), entstehen viele Zwischenformen: Das Krönchen bleibt zunächst fünfzipflig, verlängert aber ihre Röhre erheblich und streckt diese zur Peripherie der Compositenbume, wie wir es zum Beispiel bei der Kornblume oder Flockenblume beobachten. Während des nächsten Schrittes spaltet sich die Blütenröhre, um sich dann schließlich zu weiten und sich zur Zunge, oder Strahlenblüte geschlossenes und geöffnetes Blütenkörbchen des Gänseblümchensauszubreiten.
Diese Ausbildung des Krönchens zum Lockorgan, geht häufig auf Kosten der Bestäubungsorgane, so dass diese äußeren Strahlenblüten oft unfruchtbar sind (Ausnahme: Calendula).

Betrachtet man nun, nach diesen botanischen Gesichtspunkten die verschiedenen Compositenblütenstände, dann stellt sich heraus, dass diese Blütenstände, oder Blütenköpfchen aus den oben beschriebenen zwei Einzelblütentypen unterschiedlich "componiert" sind. Wir finden rein röhrenblütige, rein zungenblütige und unter den gemischtblütigen alle möglichen Zwischenformen.

Röhrenblütige z.B.: Strahlenlose Kamille, Wermut, Beifuß, Silberdistel und Golddistel (die weißen, bzw. goldgelben Strahlen sind keine Blüten, sondern eine Art "Kelchblätter), Distel, Klette, Pestwurz, Flockenblume...

Zungenblütige z.B.: Löwenzahn (Bild 46), Wegwarte, Habichtskraut, Lattich (zum Beispiel Kopfsalat, Endiviensalat)...

Gemischtblütige z.B.: Sonnenblume, Echte Kamille, Gänseblümchen, Margerite; Arnika, Alant, Aster, Dahlie, Zinnie, Kosmea, Ringelblume...

Laubblätter werden zu Kelchblättern umgebildetDas Stängelende breitet sich zum Blütenstand in Tellerform aus (Sonnenblume), oder stülpt sich zum Köpfchen um (Kamille, Sonnenhut und während der Reifezeit ganz extrem die Pusteblume, die sogar eine richtige Kugelform annimmt). Der Blütenstand ist immer strahlig-symmetrisch.

Es sind Stängelblätter, die, infolge des ins Stocken kommenden Längenwachstums des Triebes im Blütenbereich, sich unter dem Blütenstand stauen und so als Hüllblätter scheinbar einen Blütenkelch bilden. Das kann entweder in fließendem Übergang geschehen wie bei der Sonnenblume, oder aber auch abrupt, wenn der Stängel lang ist wie bei der Margerite, wo die Blätter zu Schuppen reduziert werden. Diese Hüllblätter übernehmen aber für das Ganze so perfekt die Rolle der Blütenhülle, dass sie sogar in der Lage sind, die Compositenblume, also das Körbchen bei Nacht oder bei Regen zu schließen, wie es die Gänseblümchen und der Löwenzahn sogar noch im gepflückten Zustand tun.

Wir kehren wieder zur Oberseite des Blütenstandes zurück und bemerken dort, dass die Einzelblüten keinesfalls chaotisch, oder zufällig auf dem Blütenteller oder Köpfchen verteilt sind, sondern dass dort eine genaue Geometrie verborgen ist. Besonders bei einer größeren Sonnenblume fallen uns die in steilen Bögen angeordneten Blütchen, oder später die Sonnenblumenkerne ins Auge. Diese Bögen sind einerseits im Uhrzeigersinn, aber gleichzeitig auch entgegen "gewendelt". Manchmal kann man die meist sehr undeutlich zu erkennende, sehr flache Grundspirale sehen. Dieses Bild kommt dadurch zustande, weil unter Berücksichtigung der Bildungsreihenfolge von einer Einzelblüte zur darauf folgenden ein Winkel von genau 137,5 Grad eingehalten wird. Das ist der „Goldene Winkel“, der den Kreis im Verhältnis des „Goldenen Schnittes“ teilt. Wie exakt das von dem Blütenstaat eingehalten wird, zeigt uns eine Simulation

.Simulation des Goldenen Winkels
Grafik aus Kosmos 11/92 E10392E

Diese Geometrie in der Sonnenblume

Jede einzelne kleine Blüte fügt sich ins Ganze so ein, dass so viele wie möglich auf dem Blütenteller Platz finden und ihre Aufgabe bestmöglich erfüllen können. Die Individuen im Innern der Compositenblume sind so gestaltet, dass sie der Aufgabe der Bestäubung gerecht werden, während die Blüten am Rande für die Lockwirkung des Blütenstaates zuständig sind. Ein ganzer Blütenstand zeigt ein Verhalten, wie wir es von einer einzelnen Blüte kennen.

Jede kleine Einzelblüte, ja sogar die zu Kelchblättern umfunktionierten Stängelblätter haben ihre Aufgabe im Ganzen und nur dadurch wird das Ganze wiederum zur Einheit, zu einer Compositio und zu einem Sinnbild eines idealen sozialen Gefüges.

Lassen Sie zum Schluss noch als Höhepunkt eine mit Löwenzahnblumen übersäte Wiese Ende April, Anfang Mai auf sich wirken: Zu dieser "Hochzeit" des Löwenzahns scheint es, als wolle er die ohnehin schon vollkommene Compositenblume noch einmal um eine Stufe erhöhen und alle Blütenkörbchen einer Wiese zu einer riesigen "Wiesenblume" vereinen.

Löwenzahnwiese

Wo sich das Einzelwesen
vollkommen und harmonisch ins Ganze einordnet
und sich Vielfältigkeit zu einer Einheit versammelt,
da entsteht eine wundervolle Komposition.

Michael Feiler, Heiligenberg im März 2010


„Suchst du das Höchste, das Größte? Die Pflanze kann es dich lehren. Was sie willenlos ist, sei du es wollend – das ist's!“

Friedrich von Schiller


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