Die Hahnenfußgewächse

Ranunculaceae

Ranunculus acris

Unter dem Einfluss des Wassers

Der Name der Pflanzenfamilie lässt erahnen, dass wir es bei den Ranunculaceae mit Pflanzen zu tun haben, die mit dem Wasser in enger Beziehung stehen. „Rana“ ist Lateinisch und heißt „Frosch“, und man könnte somit die Familie Ranunculaceae auch „Froschgewächse“ nennen.

So ist es naheliegend, dass wir unter ihnen auch Wasserpflanzen antreffen, wie zum Beispiel den Wasser-Hahnenfuß, den man in stehenden oder langsam fließenden Gewässern oft massenhaft findet und der zur Blütezeit die obere Donau mancherorts wie eine blühende Wiese aussehen lässt.
Nehmen wir die fadenförmigen, feinfiedrigen Blätter der untergetauchten Pflanze aus dem Wasser heraus, so fallen diese völlig gestaltlos schlaff in sich zusammen. Allerdings versucht der Gewöhnliche Wasser-Hahnenfuß (Ranunculus aquatilis) einen ersten Schritt aus dem wässrigen in den „luftigen“ Lebensraum zu tun. Er streckt nicht nur seine weißen Blüten über die Wasseroberfläche, sondern auch einige blütennahe Laubblätter. Diese zumeist auf dem Wasserspiegel schwimmenden, nicht untergetauchten Blätter sind rundlich, herz- oder nierenförmig, mit gekerbt-gezahntem Rand und ähneln schon richtigen Hahnenfuß-Blättern. Sie sehen ganz anders aus als die untergetauchten Blätter derselben Pflanze. Das ist ja auch nicht verwunderlich, denn die einen sind auf die „Schwerelosigkeit“ unter Wasser ausgerichtet, die anderen sind an die Fläche des Wasserspiegels gebunden oder müssen sich im Luftraum selbst tragen und entfalten.
Sumpf-DotterblumeDie Sumpf-Dotterblume mit ihren im Mai gelb leuchtenden Blüten schafft den amphibischen Schritt vom Wasser ans Ufer und aufs Land. Ihre 10 bis 15 cm im Durchmesser großen, trüb grünlichen Blätter sind rundlich bis nierenförmig, mit herzförmigem Grund. Sie sind krautig weich und nur wenig gerippt.
Die ebenfalls gelb blühende Trollblume hat sich schon weiter vom Wasser entfernt und ist auf Feuchtwiesen beheimatet. Betrachten wir ihre Blätter, so fällt auf, dass diese schon einen deutlichen Gestaltungsprozess erfahren haben. Sie sind drei- bis fünfteilig gegliedert oder gefingert.
Der Eisenhut, dessen untere Stängelblätter bis zum Grund tief handförmig, fünf- bis siebenteilig, fiedrig in schmale Zipfel zerteilt sind, wächst auf sickerfeuchten Wiesen und Weiden.
Die Magerrasen der Schwäbischen Alb hinter uns lassend, auf denen wir die weiß-zottig behaarten Laubblätter der Kuhschelle kennen gelernt haben, finden wir nun in der Steppenvegetation das Frühlings-Adonisröschen. Äußerst fein, mehrfach fiederteilig, in kaum 1 mm breite Zipfel zerschnitten, präsentieren sich die Blätter dieser herrlichen Frühlingsblume.

Auf unserem imaginären Weg vom Wasser zum trockenen Land haben wir soeben die Blattformen verschiedener Hahnenfußgewächse studiert. Je mehr sich die Pflanze dem Einfluss des Wassers entzieht, desto geformter, gegliederter und feinfiedriger scheinen ihre Laubblätter ausgestaltet zu werden: Während die Blätter der dem Wasser noch nahe stehenden Sumpf-Dotterblume rundlich, flächig, lappig und noch wenig „gestaltet“ sind, erscheinen die feinfiedrigen Blattgestalten des Adonisröschens aus der sonnigen Steppe geradezu filigran.
Doch wie ist die sprunghafte Veränderung der Form der untergetauchten zu den schwimmenden und über Wasser befindlichen Blättern des Gewöhnlichen Wasser-Hahnenfußes zu verstehen? Vermutlich können wir Unterwasserpflanzen nicht mit denen vergleichen, die sich im Luftraum unter gänzlich veränderten Bedingungen entfalten. Da der Wasser-Hahnenfuß einen ersten Schritt aus der Unterwasserwelt in den Luftraum tut, ist es nur sinnvoll, seine über die Wasserfläche ragenden Pflanzenteile in unsere vergleichenden Betrachtungen mit einzubeziehen.

Die Metamorphose des Blattes

Ranunculus nennt der Botaniker die Gattung der Hahnenfüße, nach denen die ganze Pflanzenfamilie Ranunculaceae benannt wurde. Die meisten Vertreter der Gattung Ranunculus blühen in den Monaten Mai und Juni leuchtend gelb. Nachdem die „Löwenzahnwiesen“ verblassen, legt der Scharfe Hahnenfuß erneut einen gelben Schleier über die gut gedüngten landwirtschaftlichen Grünflächen.
Wer sich einmal eingehender mit der Blätterfolge, der sog. Metamorphose des Blattes befassen möchte, der sollte das zu dieser Zeit tun. Denn gerade die Hahnenfüße bieten dazu die beste Gelegenheit. Dem aufmerksamen Beobachter wird sich eine ähnliche Blattverwandlung zeigen, wie wir sie auch auf unserem Weg vom Wasser zur Steppe erleben konnten: Von den abgerundeten, eher flächigen und kaum gegliederten Blättern an der Basis der Hahnenfußpflanze, verfolgt unser Blick an der Pflanze aufsteigend Blatt für Blatt. Etwa in halber Höhe scheinen die Stängelblätter ein Maximum an Größe erreicht zu haben. Hier sind sie am meisten gegliedert, stark geschlitzt oder handförmig eingebuchtet. Je weiter das Blatt aus der feuchten Wiese emporgehoben wird, in die lichte Blütenregion hinein, desto feiner, schmaler und kleiner wird es in seiner Form, bis es schließlich zu einem einfachen kleinen, lanzettlichen Hochblättchen reduziert und der Blüte untergeordnet ist.

Der Vergleich

Auch wenn es so aussieht, als ob manche Hahnenfußgewächse mehr unter dem Einfluss des Wässrigen stünden als die anderen, so ist gerade dieser Einfluss das, was den Charakter der Hahnenfußgewächse ausmacht. Eine Gegenüberstellung mit den Rosengewächsen macht dieses deutlicher:
Befühlen Sie doch einmal ein Blatt der Sumpfdotterblume und vergleichen Sie es mit dem der Bach-Nelkenwurz. Beide Pflanzen besiedeln dieselben Standorte. Das Blatt der Bach-Nelkenwurz (Rosaceae) ist viel derber, ledriger, gerippter als das krautig weiche der Sumpfdotterblume. Dieser Versuch lässt sich beliebig oft und an anderen Stellen mit anderen Vertretern aus den beiden Familien wiederholen, immer erscheinen uns die Ranunculaceae krautiger, weicher, „wässriger“ als die zum Verholzen neigenden Rosaceae.
Ganz im Gegensatz zu den Rosengewächsen finden wir unter den Hahnenfußgewächsen keine Bäume oder Sträucher. Auch ein Verholzen der Triebe oder des Wurzelstockes - wie wir es bei krautigen Rosengewächsen immer beobachten können, z.B. bei den Fingerkräutern - bleibt unter den Hahnenfußgewächsen die äußerst seltene Ausnahme (die Clematis als Rank- und Schlingpflanze aus der Hahnenfußfamilie bildet fasrig „verholzte“ Triebe, mit denen sie oft 8m hoch empor klettert und ganze Baumkronen unter sich zudeckt. Dennoch ist sie auf fremde Stütze angewiesen).

Verwandlungskünsteler

Genauso wie es bei den Blättern der Ranunculaceae fließende Übergänge zu beobachten gibt, verhält es sich bei ihren Blüten.
Nehmen wir zunächst die sog. strahlig-symmetrischen Blüten (Hahnenfuß, Trollblume, Sumpfdotterblume, Winterling, Buschwindröschen, Anemonen, Adonisröschen...), auf den ersten Blick sehen sie einer Rosenblüte ähnlich. Die Blütenachse verläuft vertikal oder in Erd-Sonnenrichtung. Um diese Achse herum sind schalenförmig Blütenkronblätter und Staubblätter im Kreis angeordnet. Im Zentrum der Blüte befindet sich der oder die Griffel und Narben mit den dazugehörigen Fruchtknoten, auch Stempel genannt.
Dass Staubblätter morphologisch gesehen durch Umwandlung aus Blütenblättern entstanden sind, kann manchmal bei einfachen, nicht gefüllten Rosenblüten gut beobachtet werden. Gelegentlich machen Missbildungen auch die Metamorphose vom Kelchblatt zum Blütenblatt sichtbar. Bei der Rose sind diese sichtbaren Übergänge aber immer Ausrutscher und Fehlbildungen, denn Rosengewächse sind eigentlich starr im Schema festgelegt. Kelchblätter sind Kelchblätter, Blütenblätter sind immer Blütenblätter, darauf ist bei Rosengewächsen Verlass.
Wer bei den Hahnenfußgewächsen auf dieselbe Verlässlichkeit baut, der geht ganz schön baden, denn hier ist alles im Fluss und veränderlich.

Betrachten Sie die Blütenknospe einer Sumpf-Dotterblume. In geschlossenem Zustand ist sie grün. Sobald sich die Knospe zur offenen Blütenschale entfaltet, färbt sich die Innenseite und später auch die Außenseite der einfachen Blütenhülle glänzend gelb um. Sie finden keine Kelchblätter, denn hier scheinen Kelchblätter und Blütenkronblätter eines zu sein, ein jedes zu seiner Zeit.
Das Busch-Windröschen besitzt an seinem Stängel im oberen Bereich einen aus drei gestielten Laubblättern bestehenden Hochblattwirtel. Diese Hochblätter sind ja schon fast so etwas wie ein Kelch und werden deshalb auch als Scheinkelch bezeichnet. Die Blüte auf ihrem ca. 3 cm langen Blütenstiel hat dann verständlicherweise nicht noch weitere Kelchblätter, sondern begnügt sich mit einer einfachen Blütenhülle aus 5 bis 7, weißen Kronblättern.
Der Scheinkelch beim Leberblümchen bewahrt den Schein eines echten Blütenkelches so perfekt, dass der Laie den sehr kurzen Blütenstiel zwischen Scheinkelch und Blüte übersieht und glaubt, er habe es mit einer echten doppelten Blütenhülle zu tun.
Nun gibt es in der Ranunculaceenblüte auch noch sog. Honigblätter oder Nektarblätter. Bei der Christrose und auch beim Winterling sind diese tütenförmigen Honigtöpfchen zwischen Blütenkronblättern und Staubblättern besonders gut zu sehen. Auch diese Honigblätter können so groß ausgebildet sein, dass sie die Funktion der Blütenkrone übernehmen und die eigentlichen Blütenblätter ersetzen.
Bei der Wiesenraute fehlt die gesamte Blütenkrone, nur durch die intensivere Färbung der Staubblätter wird noch eine gewisse Lockwirkung der Blüte aufrecht erhalten.

Wie wir feststellen können, kann die Blütenhülle einer Ranunculaceenblüte einmal aus kronblattähnlichen Kelchblättern bestehen, dann aus kronblattähnlichen Honigblättern, hier imitieren die obersten Laubblätter (Hochblätter) die Kelchblätter, da treten nur die Staubblätter in Erscheinung. Kurz gesagt: Es scheint hier kein Gesetz zu geben. Die starre Einteilung in Laubblätter, Kelchblätter, Blütenblätter und Staubblätter verwässert bei den Hahnenfußgewächsen geradezu.

Mit der oben beschriebenen veränderlichen Blütenzusammensetzung ist es aber noch nicht genug. Die Hahnenfußgewächse können noch mehr.
Wir betrachteten die Blüten, die eine vertikale Blütenachse besitzen. Was geschieht, wenn sich nun diese Blütenachse in die Horizontale neigt, das präsentieren uns der Rittersporn und der Eisenhut.
Die Blüte verliert ihr strahlenförmiges Rund und bildet dafür ein Rechts und Links und ein Oben und Unten aus. Von den vielen Symmetrieachsen der strahlig-symmetrischen Blüte (eine Symmetrieachse teilt eine Blüte in zwei spiegelbildliche Teile) bleibt nur noch eine übrig, die die zweiseitig-symmetrische Blüte des Rittersporns im Längsschnitt teilt.
Dem Eisenhut gelingt noch ein weiterer Schritt, denn er bildet mit seinen Blütenkronblättern auch noch Innenräume, in denen sich die Geschlechtsorgane der Blüten verbergen.
Solche zweiseitig-symmetrischen Blütengestalten sind uns auch von den Lippenblütengewächsen, von manchen Rachenblütlern und natürlich auch von den Orchideen bekannt.

 Senkt sich nun die horizontale Blütenachse noch mehr und wendet sich dem Erdboden zu, dann werden die Blütenformen wieder strahlig-symmetrisch, sie werden glockenförmig (Akelei, Alpenrebe).

Keine saftigen Früchte

Viele Hahnenfußgewächse blühen so schön, dass sie als Zierpflanzen angebaut werden. Nach der Blüte scheinen sie sich jedoch verausgabt zu haben, denn nach der bisherigen Beschreibung würde ich eigentlich eine wässrig-fleischige Fruchtbildung erwarten. Nichts dergleichen geschieht. Unscheinbare, kleine trockene Nüsschen (Schließfrüchte) werden gebildet. Mehrsamige Balgfrüchte sind zum Beispiel bei Eisenhut, Rittersporn, Christrose und Winterling bekannt.

Gift- und Heilpflanzen

Wenn wir uns nun daran erinnern, dass wir die wohlduftenden Gewürzpflanzen der Lippenblütler, wie zum Beispiel den Thymian, den Lavendel, den Rosmarin usw. fast immer auf trocken-warmen und sonnigen Standorten antreffen und dass deren Aromen erst richtig in der Sommerhitze zu ihrer Intensität gelangen, dann muss es uns einleuchten, dass es unter den so vom Wasser beeinflussten Hahnenfußgewächsen gar keine derart duftenden Pflanzen geben kann (wir sprechen hier von den ätherischen Düften der Pflanze. Die Blüten der Ranunculaceae duften durchaus).

Doch sie bergen andere Qualitäten in sich: die meisten Ranunculaceae sind stark bis sehr stark giftig. Sie sind so giftig, dass sie -richtig dosiert- wertvolle Heilpflanzen darstellen.
Es sind die Alkaloide und Glykoside, die meist stark auf Herz-Kreislauf- und das Zentralnervensystem wirken.
Aconitum napellus, der Blaue Eisenhut, dürfte der giftigste sein. Er ist in der Homöopathie unter anderem als Analgetikum und in unseren Gärten als Zierstaude bekannt.
Das Adonisröschen, das eine typische Digitaliswirkung aufweist, enthält herzwirksame Glykoside.
Die Kuhschelle wird in der Homöopathie sehr geschätzt zur Behandlung von Dysmenorrhoe und Katarrhen.
Über den Rittersporn lesen wir unter Vergiftungserscheinungen: Übelkeit, Herzrhythmusstörungen, Erregung, Krämpfe, Atmungslähmung, Schock.
Das Stephanskraut oder Läusesamen (Delphinium staphisagria) ist ebenfalls sehr stark giftig und erzeugt schlaffe Lähmung der Herzmuskulatur.
Der Winterling gilt wegen seiner Herzglykoside ebenfalls als stark giftig.
So könnte die Liste noch lange weiter geführt werden, denn alle Ranunculaceae sind mehr oder weniger stark giftig.

Nach all dem Beschriebenen empfinde ich nun die Hahnenfußgewächse doch als etwas nahezu Gegensätzliches zu den Rosengewächsen, und erst die aufmerksam vergleichende Betrachtungsweise lässt das Wesentliche sichtbar werden.

Nun hoffe ich, dass ich auch bald geeignetes Bildmaterial hier präsentieren kann um das ganze Thema noch anschaulicher zu machen.


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