Das Artensterben und die Rasenmäherkultur

Nicht nur in Ökozeitschriften wird inzwischen darauf hingewiesen, sogar im Wochenblatt war letztens zu lesen, dass ein erschreckender Rückgang der Insektenpopulation zu verzeichnen sei. Ein Rückgang von 75% seit 1990 !!!
Aber erschreckt uns das wirklich?
Diskutiert man über das Artensterben, so muss eines klargestellt werden:
Homo sapiens ist eine dieser Arten...

Dass unsere Agrarlandschaft arm an Arten ist und immer ärmer wird, ist schon lange kein Geheimnis mehr und die Ursachen sind allgemein bekannt. Ein Umdenken in der Agrarwirtschaft ist unerlässlich und es gibt Hoffnungsschimmer wie die Initiative „Linzgaukorn(ext.) hier in unserer Region, mit ihrem Motto „aus der Region für die Region“ und mit ihren Blühstreifen an den Getreidefeldern. Verantwortungsvolle Landwirte machen sich inzwischen Gedanken darüber, welche Rolle sie in dieser Geschichte einnehmen wollen. Aber auch die Verbraucher stehen in der Pflicht.

Schauen wir vom Feld in die Siedlungen, trifft man dort das gleiche Phänomen der Verarmung an, in noch unsinnigeren Variationen: Zunehmend werden Steinflächen in den Vorgärten angelegt, fein säuberlich sortiert nach Farben. Darunter liegt ein Kunststofffließ, das in hunderten von Jahren nicht verrottet. Da kommt kein Pflänzchen durch und auch kein Wurm. Auch Würmer müssen gelegentlich an die Erdoberfläche, die ist aber zu. Auf der Steinfläche stehen vielleicht noch ein gleichfarbiger Findling und evtl. noch ein wohl frisiertes Buchsbäumchen, das war‘s.
Der Vorteil ist: Die Fläche muss nicht gemäht werden, während es seit Stunden rings herum in der Nachbarschaft – es ist Samstagnachmittag und schönes Wetter – rattert und dröhnt. Das sind die Garten- und Rasenbesitzer auf ihren Aufsitzrasenmähern und mit ihren Rasenkantentrimmern, Laubpustern und Heckenscheren…
An dieser Stelle möchte ich zur Erheiterung das Lied von Reinhard Mey einfügen „Irgendein Depp mäht irgendwo immer(ext. - YouTube).
Der angeblich durch das Insektensterben zutiefst erschrockene Bürger hält seine Rasenflächen kurz und sauber.

Sicher hat in einem Garten auch eine Rasenfläche seine Berechtigung, auf der dann eine Sitzgruppe, der Grill oder eine Kinderschaukel stehen dürfen. Viele Flächen, mitunter sehr große, werden aber überhaupt nicht genutzt und trotzdem alle 2 Wochen oder noch öfter gemäht. Der Rasenschnitt kommt auf den Müll, dafür Rasendünger auf den Rasen. Mit enormem Arbeits- Dünger- und Energieaufwand und einem Höllenlärm am Wochenende wird eine extrem artenarme und ökologisch wertlose Fläche erzeugt. Ob das nun schön ist, darüber lässt sich streiten, ob das in Anbetracht der gegenwärtigen ökologischen Situation haarsträubender Unsinn ist, nicht.

Wenn man bedenkt, dass die Flächen der Gärten, Parks und Grünanlagen in den Siedlungen zusammen um ein Vielfaches größer sind als die der Blühstreifen, Biotopinseln, Randstreifen,  extensiv genutzte Weiden... in der Agrarlandschaft, (irgendwo habe ich gelesen, dass diese Flächen sogar größer seien als die der Naturschutzgebiete Deutschlands*), dann wird klar und deutlich, dass Naturschutz in Siedlungen eben nicht nur der Tropfen auf den heißen Stein ist. Mit einfachen Maßnahmen könnte dort die Verarmung der Agrarlandschaft in ganz entscheidendem Maße kompensiert werden und zwar von heute auf morgen, während ein Wandel der Landwirtschaft ein längerer, wenn auch unabdingbarer Prozess sein wird. Jeder einzelne könnte und sollte schon heute damit beginnen:

Ein erster Schritt könnte sein, die Flächen, die nicht als Rasen genutzt werden einfach nicht zu mähen und nicht zu düngen. Es würde nicht lange dauern bis sich die ersten Wiesenblumen einfänden. Dabei kann nachgeholfen werden, indem man die zunächst dichte Rasennarbe aufreißt und entsprechende Samen ausbringt. Wenn das Gras ca. 50 cm hoch ist und blüht, dann kommen Sie mit Ihrem Aufsitzrasenmäher nicht mehr durch. Den können Sie getrost entsorgen, denn für die verbliebene kleine Rasenfläche benötigen Sie einen kleinen Schiebe- oder Elektrorasenmäher. Mit dem können Sie auch einen schmalen Pfad durch Ihre Naturwiese anlegen, von dem aus sich das reiche Leben, das sich dort bald ansiedeln wird, aus nächster Nähe beobachten lässt. 2 – 3 mal im Jahr muss auch diese Wiese gemäht werden. Dazu braucht es eine Sense - die billiger ist als ein Fitnessgerät - oder einen Wiesenmäher, der z.B. von der Gemeinde, die das ja fördern will, zur Verfügung gestellt und bei ihr geliehen werden könnte.

Ein kleiner, doch bedeutender Schritt wäre sogar auf den Terrassen und Balkonen leicht umsetzbar: Stellen Sie sich vor wie es wäre, wenn Thymian, Ysop, Lavendel, Rosmarin, Bergbohnenkraut oder  Fetthennen anstatt Petunien, Fuchsien und Geranien in Kübeln und Balkonkästen angepflanzt würden. Diese Pflanzen sind wunderschön, pflegeleicht, brauchen wenig Wasser und keinen Dünger und könnten sogar in der Küche frisch verwendet werden. Selbst ein Hochhaus mit derart bepflanzten Balkonen ließe sich in einen gigantischen, vertikalen, blühenden Kräutergarten verwandeln.

Libellenlarve

In einer 80 l Wanne, gefüllt mit Wasser, wachsen Sumpfschwertlilien und offensichtlich hat sich darin auch eine Libellenlarve wohl gefühlt, die dann im Juli als Libelle aus ihrer Hülle geschlüpft ist.

Ein weiterer Schritt in die richtige Richtung könnte darin bestehen, dass wir Hecken nicht aus eintönig grünen Tuja pflanzten, die mit den Jahren eh verkahlen und braun werden, sondern aus verschiedenen heimischen Gehölzen. Heckenrosen erfreuen im Juni mit ihren zarten Rosenblüten, im Herbst mit ihren Hagebutten.

Ein größerer Schritt wäre das Anlegen von Staudenbeeten, die wertvollste Kleinbiotope, Bienen- und Augenweiden sein könnten. Dabei ist die Größe garnicht ausschlaggebend. Mein kleinster Steingarten zwischen Weg und Hauswand ist gerade mal 30 cm breit und ca. 1,5 m lang. Dort wachsen und blühen Hauswurz und verschiedene heimische Fetthennen, die Wirtspflanzen z.B. der Raupen des Apollofalters. Dieser müsste nicht vom Aussterben bedroht sein, wüchsen zwischen den vielen Wegen und Hauswänden der Ortschaften die weißen Fetthennen (Sedum album L.), die in der Agrarlandschaft nicht zu finden sind. Unsere Kinder könnten unmittelbar vor der eigenen Haustüre das beobachten, wofür wir auf der Mainau im Schmetterlingshaus ordentlich Eintritt zahlen müssen. Gelegentlich werden auch die Blätter der Iris oder der Königskerze in meinem Vorgarten von Raupen verunstaltet, natürlich! Deshalb habe ich sie ja gepflanzt, denn nur Raupen die fressen werden zu Schmetterlingen. Und wenn die Raupen mal am Rosenkohl sind, na und? Macht mich das arm? Also, nicht spritzen! Ich erwarte ja nicht, dass man Brennnesseln im Garten wachsen lässt. Landkärtchen, Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge und Admiral sind auf sie als Raupen-Futterpflanze angewiesen. Die Brennnessel gibt es an Waldrändern noch häufig, aber da sollten wir sie stehen lassen, auch wenn die meisten jungen Falter nach wenigen Metern Flug ins Feld der Feldspritze zum Opfer fallen. Die Überlebenden kämen in die Ortschaften, weil da die Blumen blühten.

Noch lange könnte fantasiert werden, was in unseren Ortschaften alles wachsen und leben könnte in Einklang mit uns selbst. An Teichen und Trockenmauern in unseren Gärten könnte sich eine Vielfalt ansiedeln, die es eben draußen auf dem Lande nicht mehr gibt. Das klingt geradezu paradox, ist aber inzwischen Realität. Viele Gemeindeverwaltungen und Kirchengemeinden gehen inzwischen mit gutem Beispiel voran und dort blühen Wildblumenmischungen auf ehemaligen Rasenflächen.


armselig = arm an Seelen bzw. Arten

da wächst nichts mehr
Nach etwas Sommertrockenheit muss nicht mehr gemäht werden, weil nun nichts mehr wächst...

Womöglich fänden sich viele Bürger, die bereit wären auch ehrenamtlich da mit anzupacken.
Die Idee ist nicht neu, es gibt Initiativen:
https://baden-wuerttemberg.nabu.de/natur-und-landschaft/aktionen-und-projekte/kirchen/ (ext.).

http://www.hortus-oecumenicus.de/Startseite/K101.htm (ext.)

http://www.wuppertals-urbane-gaerten.de/gaerten-zum-mitmachen/inselgarten-an-der-diakoniekirche/ (ext.)

Gesellschaft | plan b - Das große Brummen, Sendung ZDF (ext.)

Wäre es denkbar einen Verein ins Leben zu rufen?
Verein für natürlich anmutende Kirchen- und Pfarrgärten e.V.“

Stellen sie sich dieses Bild mal vor: Eine Kirche in Mitten eines Gartens, der die Schönheit, Vielfalt und Komplexität der Schöpfung erahnen lässt und ihre Besucher in Demut und Dankbarkeit erkennen, welche unfassbar großzügige Gabe Gottes es zu bewahren gilt – um zu überleben.

Röhrenbach, 01. Juni 2018

* Ich weiß, dass ich dazu eigentlich eine Quellenangabe machen müsste, aber ich finde sie beim besten Willen nicht mehr. Doch ich versichere Ihnen: Es ist keine Erfindung der Chinesen.

www.camerabotanica.de