Das Echte Johanniskraut

Hypericum perforatumL.

Hypericum perforatum

„Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern der Kriegsknechte einer öffnete seine Seite mit einem Speer, und alsbald ging Blut und Wasser heraus.“

(NT Joh. 19/33-34)

Das Blut und das Wasser Jesu ergossen sich auf den Erdboden unter dem Kreuz. Als der Jünger, den Jesus lieb hatte, bemerkte, dass ein Kraut an dieser Stelle gewachsen war, mit herrlichen goldgelben Blüten, überreichte er dieses den Jüngern Jesu. Sie spürten bald die Güte des Krautes, denn mit dem Blut und dem Wasser Jesu hat es ein Bisschen vom „Licht der Welt“ in sich aufnehmen können.
Der Teufel, der Herr des Reiches, wo das Licht nicht ist, verstand schnell, welche Gefahr für seine Herrschaft von dieser Pflanze ausgehen würde und versuchte diese mit tausend Nadelstichen zu vernichten. Diesem Hass begegnete das Licht mit Liebe und füllte die so entstandenen Löcher mit heilsamen Ölen und Harzen.

Wer die am Stängel gegenständig sitzenden Blätter im Gegenlicht genau betrachtet, der erkennt nicht nur die namengebenden hellen Perforationen, sondern auch dunkle Punkte, die an den Rändern der Laubblätter vermehrt lokalisiert sind.

Öldrüsen

KapselDer Stängel ist aufrecht wachsend und im oberen Bereich vielfach verzweigt und hat zwei Längskanten, die mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt, ein recht sicheres Kennzeichen sind. Die ausdauernde Pflanze kann eine Höhe von ca. 90 cm erreichen. Jeden Sommer um die Johannizeit, wenn die Sonne am längsten und intensivsten scheint, erstrahlen die goldgelben Blüten mit ihren sehr zahlreichen Staubblättern. Zerreibt man die Blüten zwischen den Fingern, färben sie sich „blutrot“. Die fünf schmal-eiförmigen Blütenblätter sind vorne schief abgestutzt und dort leicht gezähnelt. Gelegentlich sind schwarze Punkte oder Striche an deren Rändern  erkennbar. Die vielen kleinen Samen reifen in einer Kapsel, die aus drei Fruchtblättern gebildet wird.
Eher trockene und nährstoffarme, aber warme, sonnige Plätze liebt das weit verbreitete Heilkraut. An Rainen, Wald- und Gebüschrändern, auf Trockenrasen und an Wegrändern findet man es häufig.

Zur Blütezeit werden die oberen Pflanzenteile mit Stängeln, Blättern und Blüten gesammelt. Aus der getrockneten Droge wird Tee bereitet. Zur Herstellung von Tinkturen braucht man frische Blätter und Blüten. Auch das sehr beliebte und bekannte „Rotöl“ wird aus dem frischen Kraut gewonnen und kann äußerlich wie auch innerlich angewendet werden.
Als Einreibung verschafft es Linderung bei Nervenschmerzen, Muskelschmerzen, Verzerrungen und Prellungen. Bei Verbrennungen, Hautinfektionen und schlecht heilenden Verletzungen wird es ebenfalls verwendet, da es antibiotisch wirkt.
Bei der innerlichen Anwendung ist es wohl die Gesamtheit der Inhaltsstoffe, die die Verdauung anregt. Auch kreislaufregulierende Wirkungen werden beschrieben.
Dem Hyperforin, vor allem aber dem blutroten Hypericin werden besondere Eigenschaften zugeschrieben. Ersteres wird in den, über die ganzen Blätter verteilten, hell durchscheinenden Ölbehältern gebildet, während das Hypericin in den Drüsen gebildet und gespeichert wird, die als dunkle Punkte an den Rändern der Blätter und der Blütenblätter sichtbar sind.
JohanniskrautParacelsus (1493-1541)empfahl das Johanniskraut u. a. „gegen die dollen Geister und Fantaseien.“ Johann Hieronymus Kniphof (1704-1763), beschreibt in seinem Kräuterbuch die Wirkung bei „fürchterlichen melancholischen Gedanken.“ An anderer Stelle wird berichtet: „Das Johanniskraut bringt Licht in das verfinsterte Gemüt...“ und auch heute ist es in der Medizin als pflanzliches Antidepressivum etabliert. Eine der unerwünschten Wirkungen passt ins Bild: Bei höheren Dosierungen und zusätzlich starker Sonneneinstrahlung z.B. durch Höhensonne oder im Solarium, kann es zu einer Sonnenallergie oder zu anderen fototoxischen Reaktionen kommen. Während Lichtmangel Depressionen auslöst, verursacht zu viel Sonne Sonnenbrand und Hautkrebs.

Das Johanniskraut hat das „Licht der Welt“, die Kraft der Sonne aufgenommen und es hält diese Lichtwirkung bereit für Menschen denen an Licht mangelt und so vereinen sich uralte Legenden und Bräuche mit modernen Forschungsergebnissen und ergeben ein wunderbares Bild einer Pflanze.

Michael Feiler, Johanni 2016

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