Die Schwertlilie

Iris

Iris, eine weiße Blüte

Wenn auch die Rose die Königin der Blumen ist,
die Iris ist eine Göttin.

Michael Feiler

Der Regenbogen, die Farben am Himmel aus Wasser, Luft und Licht, steht als Sinnbild für einen Bund zwischen Himmel und Erde. Das entnehmen wir aus dem Alten Testament der Bibel. Dieses farbige Band erinnert uns aber auch an die geflügelte Götterbotin der Antike, die den Menschen auf der Erde die göttlichen Botschaften übermittelte. Die Götterbotin Iris begleitete die Seelen der verstorbenen Menschen auf der Bahn des Regenbogens, in das Reich des ewigen Friedens. Besonders im Orient, aber auch im Mittelmeergebiet schmücken oft weiße Schwertlilien Gräber und Gedenkstätten.
Carl von Linné (1707 – 1778) wählte diesen Götternamen und benannte eine außergewöhnlich farbenprächtige Pflanzengattung „Iris“, und diese Gattung verleiht wiederum der ganzen Pflanzenfamilie den Namen „Iridaceae“ (Irisgewächse).

Die Farben der Iris

AmethystDie Farbpalette der Irisblüten entspricht fast der des Regenbogens. Aber eben nur fast, denn so wie es bei der Rose keine rein blauen Blüten gibt, so gibt es bei der Iris keine roten. Obwohl die Züchtung der Iris eine lange Tradition hat und bis heute eine ungeheure Farbenvielfalt geschaffen wurde, ist es nicht möglich, rein rote Irissorten zu züchten. Das „Rot“ der Iris enthält immer Blau oder Gelb, sodass Farben entstehen wie Lila, Flieder, Rosa, Orange, Lachs, Kupfer, Rotbraun... aber eben kein Rot.
Bei den in freier Wildbahn vorkommenden Irisarten überwiegen die Farben Blau, Gelb und Weiß. Dennoch dürfte wohl die überaus große Farbenpracht dieser Gattung der Grund dafür sein, dass diese Blume mit Iris und Regenbogen in Verbindung gebracht wurde.

Das Schwert und die Lilie

Das SchwertZwei nahezu gegensätzliche Worte setzen den deutschen Namen der Iris zusammen. Das Schwert und die Lilie vereinen sich zur Schwertlilie. Sicherlich sind es die Blätter der Bartirisarten gewesen, die zum „Vornamen“ Anlass gegeben haben: Schwertförmig lang, mit einer scharfen, ganzrandigen „Schneide“ auf beiden Seiten und einer Spitze, steht das bläulich-grüne Bart-Irisblatt vertikal und vom Winde nur wenig bewegt, relativ starr inmitten der Vegetation. Durch die vertikale Raumlage des Blattes gibt es auch keine Blattunter- oder Oberseite, beide Blattseiten sehen gleich aus. Die vertikale oder horizontale Ausrichtung eines Pflanzenorganes scheint sich ganz wesentlich auf die Gestaltgebung auszuwirken, wie wir das bei der Irisblüte noch näher kennen lernen werden.
Wenn das Sonnenlicht diese Schwertblätter durchleuchtet, dann kann man deutlich die parallele Nervatur erkennen, und die Zuordnung der Schwertlilie zu den Einkeimblättrigen (Monocotyledonen) ist ohne Zweifel möglich.
Diese kurze Beschreibung des Irisblattes, die auf die Bartirisarten zutrifft, soll verdeutlichen, wie die „Lilie“ zum Schwert kam. In den Beschreibungen der einzelnen Irisarten gehe ich näher auf die jeweiligen Blattformen ein.

Wenden wir uns nun der „Lilie“, also der Blüte der Iris zu, so müssen wir zunächst klarstellen, dass es sich hier nicht um eine Lilie handelt. Die Iris ist zwar eine einkeimblättrige Pflanze, wie die Lilie, sie gehört aber ihrer eigenen Familie der Iridaceae (Irisgewächse) an. Wir können das u.a. an der Dreizähligkeit (3 Staubblätter) der Blüte erkennen, denn die Lilienblüte ist sechszählig (6 Staubblätter). Vergleiche dazu auch den Krokus, der ein Irisgewächs ist, mit der Herbstzeitlose.
Mit dem Wort „Lilie“ im deutschen Namen soll vermutlich die Symbolik der weißen Lilie ins Spiel kommen, um einen deutlichen Kontrast zwischen Irisblatt, dem Schwert und Irisblume, der Lilie zu schaffen. Mit dieser konträren Symbolkraft machte die Iris ihre Karriere als Wappenbild des Rittertums, mit dem Schwert als Waffe und der Lilie als reinem Herz. Sie wurde Sinnbild der Macht und edlen Monarchie (eine Geschichte hierzu aus dem Jahre 494 n. Chr. wird im Kapitel der Iris pseudacorus L. erzählt).

Der außergewöhnliche Bauplan

Das spiralförmige Ausrollen, das wir bei sehr vielen Lebensvorgängen antreffen, erschließt sich dem aufmerksamen Beobachter auch beim Erblühen der Iris. Nachdem sich die spitze Blütenknospe aus den pergamentartigen Hochblättern geschoben hat, entrollen sich die sechs Blütenblätter, um sich auf ganz charakteristische Weise in den Raum zu stellen. Sie stellen sich nicht nur in den Raum, sondern sie bilden mit ihnen Innenräume. Das kennen wir bereits von zweiseitig-symmetrischen Blüten. Die Iris hat aber eine strahlig-symmetrische Blüte mit nach oben gerichteter vertikaler Blütenachse, wie auch der Krokus, die Rose oder der Hahnenfuß, die alle eine nach oben offene Blütenschale oder einen offenen Blütenkelch bilden.
Die Irisblüte hat ihren ganz besonderen und einmaligen Bauplan: Dem botanisch unerfahrenen Betrachter einer Irisblüte wird es nicht auf Anhieb gelingen, die einzelnen Blütenorgane, also Kronblätter, Staubblätter, Stempel mit Griffel und Narben zu erkennen. Beim Krokus haben wir damit keine Mühe. In seiner Blüte ist wie gewohnt alles strahlen-symmetrisch an seinem Platz. Warum wurde die Blüte der Iris, obwohl sie zur gleichen Pflanzenfamilie gehört, so umgeformt?

Entfaltung 1Entfaltung 2Entfaltung 3
Entfaltung 4Entfaltung 5Entfaltung 6

Ihre drei äußeren Blütenblätter schlagen sich beim Erblühen ganz nach unten um und präsentieren so die meist intensiver gefärbte Maserung, die Saftmale, nicht nur nach oben, sondern auch in horizontaler Richtung. Die drei inneren Blütenblätter bleiben senkrecht stehen. Man nennt sie auch Domblätter, weil sie besonders bei den Bartirisarten einen Innenraum bilden, der als Dom bezeichnet wird. Die Suche nach dem Griffel und den orangefarbenen Narben, wie wir sie aus der Mitte der Krokusblüte kennen, wo sie der Insektenwelt geradezu offen entgegengestreckt werden, scheint in der Irisblüte zunächst erfolglos zu bleiben.

Das Innere der KrokusblüteDer dreiteilige GriffelHängeblatt mit Bart, Staubblatt unter dem Griffelblattteil
Bild links: Die Krokusblüte, mit einem 3-teiligen Griffel und Narben.
Bild mitte: Der aus dem Zentrum der Irisblüte entspringende, 3-teilige Griffel ist blumenblattähnlich umgestaltet und umgefärbt.
Bild rechts: Wir sehen unter einem Teil des 3-teiligen Griffelblattes das Staubblatt, nicht zu verwechseln mit den bärtigen Auswüchsen auf dem Hängeblatt.

Bei der Iris sind die Geschlechtsorgane im Blüteninneren verborgen. Die drei Staubblätter befinden sich jeweils über dem nach unten umgeschlagenen äußeren Blütenblatt, dem Hängeblatt, gut verborgen und geschützt unter einem weiteren blumenblattähnlichen Gebilde, das aus dem Zentrum der Irisblüte entspringt. Bei einer strahlig-symmetrischen Blüte entspringt nur der Griffel aus dem Zentrum, Staubblätter und Blütenblätter sind um dieses herum angeordnet. Genauso verhält es sich auch bei der Irisblüte, nur dass bei ihr der dreiteilige Griffel blumenblattähnlich umgestaltet und umgefärbt ist. Damit „beweist“ uns die Iris, dass auch der Stempel, also Fruchtknoten, Griffel und die Narbe, ein Blattorgan ist, sie wäre andernfalls nicht in der Lage ein blumenblattähnliches Griffelblatt daraus zu bilden.
An der Unterseite dieses Gebildes, das wir als „Griffelblatt“ identifiziert haben, finden wir ein querverlaufendes Läppchen und auf diesem Läppchen, also in der Falte, die dort entsteht, befinden sich die Narbenpapillen, die zu gegebener Zeit bereit sind Blütenstaub aus anderen Irisblüten aufzunehmen.
Auf dem Rücken von Hummeln werden die Pollen aus anderen Irisblüten herantransportiert. Sicher geleitet durch die auffällig gefärbten Saftmale der hinab geschlagenen Blütenblätter, findet die Hummel einen der drei Eingänge ins Blüteninnere. Wie ein Spachtel schabt das oben beschriebene Narbenläppchen die Pollenkörnchen vom Rücken der eindringenden Hummel ab. Das Insekt muss sich tief ins Innere hineinzwängen, um den Nektar zu erreichen. Dabei pudert es sich unwillkürlich erneut den Rücken mit Pollen ein, da ja das Staubblatt unterhalb des Griffelblattes geschickt in Position gebracht ist. Krabbelt die Hummel wieder aus der Öffnung heraus, drückt sie dabei das Narbenläppchen nach oben gegen das Griffelblatt. Die Falte, in der die Narbenpapillen liegen, schließt sich dadurch, und es kann so kein Pollen aus der eigenen Blüte darauf gelangen. Eine Selbstbefruchtung ist somit ausgeschlossen, die Chance der Fremdbefruchtung erhöht.
Mit diesem genialen Mechanismus geht die Iris ein Verhältnis mit einer Insektengattung ein. Die Hummel passt in die Irisblume, als gehörten beide zusammen.
Da nun die Irisblüte 3-zählig ist, sie hat 3 äußere und 3 innere Blütenkronblätter und 3 Staubblätter, die jeweils unter einem Teil des 3-teiligen Griffelblattes verborgen sind, gibt es auch 3 der oben beschriebenen Blüteneingänge. Die strahlen-symmetrische Irisblüte hat sozusagen 3 zweiseitig-symmetrische Blumen. Sie gliedert ihre relativ große Blüte in drei Einzelblumen auf.

Verblühen, um zu reifen

Beim Verblühen der Iris werden die Pflanzensäfte nicht vergeudet. Deshalb kann sie ihre Blütenblätter auch nicht einfach fallen lassen, wie es die Wild-Rose tut, sondern es scheint, als würde die Iris ihre Blütenblätter beim Verblühen aussaugen. Dabei fallen zunächst die senkrecht stehenden Domblätter in sich zusammen, dann wickeln sich die drei äußeren Hängeblätter nach oben auf und verschnüren das Ganze zu einem kompakten bräunlichen Ballen, der später abfällt und wieder dem Nährstoffkreislauf zugeführt wird. Durch dieses Zusammenschnüren der verblühenden Blüte wird den von unten nachkommenden Platz gemacht, sodass diese nicht in ihrer komplizierten Entfaltung behindert werden.

Verblühen 1VerpackenFruchten

Betrachten wir den beschriebenen Werdegang einer Irisblüte unter Zeitraffung, so wird ihre Lebensbewegung, das Ausrollen, Gestalten und Wiedereinrollen deutlich sichtbar.
Der Fruchtknoten, der während der Blütezeit unterständig unter den Hängeblättern verborgen war und befruchtet wurde, schwillt nun an (sofern es sich nicht um Iris germanica L. oder um eine sterile Gartenhybride handelt) und beginnt sich in der Sommerglut zu bräunen. Aus drei Fruchtblättern entsteht eine Kapselfrucht mit drei Kammern, in denen zahlreiche glänzend braune Samenkörner heranreifen.
Im Oktober ist der Blütenspross abgestorben, die Kapselfrucht birgt das neue Leben.
Die Samenverbreitung ist bei der Iris nicht mehr besonders spektakulär organisiert: Die drei, inzwischen braunen Fruchtblätter spreizen sich oben auseinander, und bei der nächsten Erschütterung werden die Samen einfach nur ausgestreut. Bei den Sumpfirisarten kann es vorkommen, dass die Samenkörner über weite Strecken vom Wasser verschleppt werden.
Bleibt noch zu erwähnen, dass die Samen nur unter Lichteinfluss keimen können (Lichtkeimer), und so hätten wir die generative Vermehrung der Iris einigermaßen beleuchtet.

Rhizom, Knolle oder Zwiebel

Bei dieser Betrachtung können wir nicht alle Irisarten in einen Topf werfen. Obwohl die meisten einen festen Wurzelstock ausbilden, der Rhizom genannt wird, gibt es auch Arten, die Sprossknollen oder Zwiebeln bilden. Durch Rhizomverzweigungen oder durch die Bildung von jungen Brutknöllchen oder Brutzwiebeln findet die vegetative, also ungeschlechtliche Vermehrung statt. Rhizom, Knolle und Zwiebel sind auch die Energiespeicher, welche die Pflanze während der Vegetationszeit anlegt, um nach einer langen Ruheperiode (meist der Winter) wieder austreiben zu können.

Die Biotope der Iris

Von der Meeresküste bis hoch in die alpine Region jenseits der Baumgrenze können wir zur gegebenen Zeit Irisarten antreffen. Genauso vielfältig sind die Biotope, in denen sich die verschiedenen Irisarten wohlfühlen:
Die gelbe Sumpf-Schwertlilie (Iris pseudacorus L.) finden wir oft an Ufern und Wassergräben zwischen Schilf mit nassen Füßen stehen, die Sibirische Schwertlilie (Iris sibirica L.) auf feuchten Riedwiesen. Im Kaukasus wächst im Frühling die kleine Iris reticulata M.Bieb. auf alpinen Matten. Aus den Trockenbiotopen rund um das Mittelmeer stammen die vielgestaltigen Bartirisarten... Während sich die einen auf ein Dasein im und am Wasser eingelassen haben, ziehen die anderen Wassermangel vor, wieder andere, welche durch die menschliche Pflanzenzüchtung verhätschelt wurden, bevorzugen guten Gartenboden.

Aus der Vergangenheit

Die Iris ist eine vielgestaltige, außergewöhnliche und vor allem schöne Pflanzengattung, die schon sehr früh das Interesse der Menschen auf sich gezogen hat. Die Fresken im minoischen Tempel Knossos auf Kreta dürften wohl die ältesten noch erhaltenen Irisdarstellungen sein und stammen aus der Zeit um 1500 v. Chr.
In allen Kulturen finden wir die Iris in einer symbolischen Sonderstellung unter den Blumen. Im alten Ägypten symbolisiert sie die Beredsamkeit, in der mohammedanischen (islamischen) Kultur ist sie ein Zeichen des Wohlstandes, der dadurch auch den Toten wieder zuteil kommen soll, indem man sie auf Gräbern anpflanzt. Vielleicht liegt darin der Grund, weshalb man auch heute noch sehr oft Iris albicans Lange im Mittelmeerraum auf und um Friedhöfe antrifft.
Iris auf Friedhöfen, in Kirchen, Klöstern oder Tempeln, ergeben ein besonderes symbolisches Bild, denn Iris ist die Götterbotin, die die Seelen der verstorbenen Menschen auf der Bahn des Regenbogens, in das Reich des ewigen Friedens begleitete.
Durch Mönche und Kreuzritter fand die Bartiris den Weg über die Alpen in den Norden und wurde von da an bei uns in Gärten, vor allem in Klostergärten kultiviert.

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