"Ich bin das Licht der Welt:"

Ich bin das Licht der Welt

NT, Joh. 8.12

Dinkel

Die Sonne, die Pflanzen, das Leben und die Liebe

Wir schauen in die Welt, in der die Steine lagern und nur ein wenig in der Stufenleiter über diesem unbelebten Reich suchen wir die Pflanzen, die da lebend wachsen. Wieder eine Ebene darüber vermuten wir die Tiere, wie sie fühlend leben und oben auf die Pyramide –das ist der Gipfel– stellen wir uns selbst, als den Menschen, der beseelt dem Geiste Wohnung gibt.
Dieser „Morgenspruch“ sagt nichts über eine Rangordnung aus und doch sehen wir uns gerne oben auf dieser hierarchisch konstruierten Pyramidenspitze als die Krönung der Schöpfung stehen, wo wir aber, weit entfernt von unserer Basis, den Überblick verlieren und voller Hochmut übersehen, wie innig verwoben die Bereiche der Schöpfung tatsächlich sind. Eine geistige Haltung, von oben herab, würde uns Menschen einsam machen und wir würden dem pflanzlichen Leben und dem Leben insgesamt nicht gerecht. Wenn wir uns als Menschen nicht ausschließen wollen, was uns sehr schlecht bekäme, dann haben wir uns mitten in die gesamte Schöpfung hinein zu begeben und wir müssen „mitmachen“.

Einst entstand unter der Wasseroberfläche, in seichten lichtdurchfluteten Zonen der Urmeere „ursprüngliches pflanzliches Leben“ als Voraussetzung für jegliche weitere Evolution (Wie es dazu kam? Wer kann das so genau wissen? Das sei hier daher nicht näher beleuchtet). Die Wissenschaft glaubt, dass das vor ungefähr dreieinhalb Milliarden Jahren stattgefunden habe. In sogenannten Stromatolithen, das waren pilzförmige, steinerne Gebilde, die aus dem Meeresboden zu wachsen schienen, siedelten Kolonien lebender Bakterien. Überwiegend handelte es sich dabei um Cyanobakterien, die sich durch ihre Fähigkeit zur oxygenen Photosynthese auszeichneten. Sie verwandelten als erste Lebewesen das Sonnenlicht in Nahrung. Mit Hilfe der Sonnenenergie produzierten die Bakterien Glucose aus Kohlendioxid und Wasser und als „Nebenprodukt“ entstand der Sauerstoff, mit dem nach und nach die Ozeane und auch die Atmosphäre der Erde angereichert wurden. Ohne diesen entscheidenden Schritt der Cyanobakterien, der Assimilation oder Photosynthese genannt wird, hätte kein höheres Leben auf der Erde entstehen können.
Seit dieser Zeit wachsen Pflanzen und indem sie das tun verwandeln sie Kohlendioxid in Sauerstoff und speichern die Sonnenwärme in ihren Pflanzenkörpern. Wenn die Pflanze stirbt und ihr Körper wieder abgebaut wird –oder verbrannt wird– wird diese gespeicherte Sonnenenergie wieder freigesetzt, der Sauerstoff wird bei dieser „Verbrennung“ verbraucht und es entsteht wieder Kohlendioxid.

Keimling einer BucheBaumpilz am Baumstumpf

Viele Millionen Jahre lang sind Pflanzen gewachsen und haben Sauerstoff produziert. Indem große Mengen dieser Pflanzenmasse nach ihrem Tod nicht wieder abgebaut, sondern konserviert wurden in Form von Kohle, Erdöl, Gas, aber auch als Torf und Holz, was nichts anderes als gigantische Sonnenenergiespeicher darstellt, blieb auch der Sauerstoff erhalten und damit eine Atmosphäre welche die Sonnenstrahlung für das Leben auf der Erdoberfläche verträglich macht.

Baumstämme als Nutzholz

Nun nutzen wir diese Energiespeicher, wir verbrennen in kürzester Zeit das, was Pflanzen in Jahrmillionen geleistet haben. Die moderne menschliche Zivilisation wäre ohne diese Energieträger nicht denkbar – der Mensch ist das einzige Wesen der Erde, mit dem Privileg das Feuer zu beherrschen, aber die Brennstoffe stammen alle aus der Pflanzenwelt. Wer denkt an diese Tatsache beim Betanken seines Autos mit Benzin und bedenken wir dabei, dass wir damit das Gleichgewicht der Zusammensetzung unserer Atmosphäre beeinträchtigen und gefährden?
Über das pflanzliche Leben wurde die Erde darauf vorbereitet, menschliche Zivilisation aufnehmen und - für eine gewisse Zeit - beherbergen zu können.

RindAuch wenn auf unserem Speiseplan zunehmend Nahrungsmittel tierischer Herkunft stehen, so ist es letztlich doch die von Pflanzen aufgefangene Sonnenenergie, die uns ernährt. Nur Pflanzen haben diese Fähigkeit die Sonnenenergie zunächst als Traubenzucker in ihrem Pflanzenleib zu binden. Sie „atmen“ dabei Kohlendioxid ein und Sauerstoff aus.
Über den Verdauungstrakt und die Blutbahn gelangt dieser Traubenzucker in die Körperzellen der Tiere und auch der Menschen. Die Körperzellen benötigen den Traubenzucker als Energiequelle und verbrennen ihn. Dabei wird Wärme (der Sonne) frei und der Sauerstoff reagiert mit dem Traubenzucker (dem Kohlenstoff). Das dadurch entstehende Kohlendioxid wird ausgeatmet.
Das ist der extrem vereinfacht dargestellte Energiekreislauf des tierischen und menschlichen Lebens, der auf dem pflanzlichen Leben basiert.

Denken wir an Eiweiß, Fett, Vitamine, Aromen… auch wenn sie aus tierischen Rohstoffen stammen, sind sie doch pflanzlichen Ursprungs.
Die Wirkstoffe der Medikamente stammten in der Vergangenheit überwiegend aus der Pflanzenwelt und genau genommen ist das auch heute nicht anders.
Welche Bedeutung hatte das Papier für die geistige Zivilisation des Menschen?
Denken wir an die Bedeutung des Holzes als Baumaterial.
Selbst Plastik und alle Kunststoffe die unsere heutige Zeit so dominieren, sind letztlich aus Kohlenstoff und damit aus Pflanzen gemacht.

Sind wir uns dessen bewusst, dass das menschliche Leben bzw. alles Leben auf Gedeih und Verderb auf das pflanzliche Leben angewiesen ist und auf ihm basiert? Ohne Pflanzen würden wir nicht atmen und uns nicht ernähren können. Die Energie der Sonne wäre von keinem Lebewesen nutzbar und sie würde jegliches Leben auf der Erdoberfläche zerstören. Die Erde wäre wüst und leer.

Nur über die Pflanzen wird Sonnenenergie zu irdischem Leben.

Die Tatsache, dass pflanzliches Leben dem Menschen nicht heilig ist, macht deutlich, dass wir uns dessen nicht bewusst sind. Nur tief verborgen im Unterbewusstsein schlummern noch Gefühle und Ahnungen davon:
Warum spricht man vom Erholungswert eines Waldes? Warum gehen viele Menschen in ihrer Freizeit in der Natur oder in einem Park spazieren? Warum können sich Menschen in einem Büro, in dem Pflanzen wachsen besser konzentrieren? Warum pflegen wir mühevoll Zimmerpflanzen und den Vorgarten unseres Hauses? Warum schenkt man einem Patienten im Krankenhaus einen Blumenstrauß? Warum der Blumenschmuck auf dem Esstisch? Warum schenkt man Blumen zum Geburtstag, zur Hochzeit, zum Begräbnis...?

 Bank im Wald

Es scheint, als brauche die Menschenseele die Wahrnehmung von Pflanzen und insbesondere die von Blumen, deren Farben, Formen und Düfte uns erfreuen, beruhigen und trösten. Ohne sie würde unsere Seele krank. Fühlen wir uns hingezogen zu dieser lebenspendenden Kraft der Pflanze, die ja letztlich von der Sonne kommt, weil unser aller Ursprung da zu suchen ist?

Im Rebensaft ligt reinste SonnenkraftWandgemälde in einem Überlinger Restaurant

WeintraubeWenn wir „von Pflanzen gespeicherte Sonnenenergie“, den Zucker naschen, in einer relativ reinen Form, sei es als süße Frucht, oder aber als raffinierter Zucker, dann tun wir das, weil es uns schmeckt und Freude macht. Glückshormone werden in unserem Körper gebildet und freigesetzt. Zu viel davon macht krank, zu wenig macht unglücklich.
So verhält es sich auch mit der Sonnenstrahlung auf den Menschen. Während zu viel Sonne Sonnenbrand und Hautkrebs verursacht, löst Lichtmangel Depressionen aus.
Wenn uns die beängstigende Finsternis zu sehr bedrückt, während der dunklen und kalten Jahreszeit, in der auch alles pflanzliche Leben zu schlafen scheint, dann gibt es süßes Weihnachtsgebäck und wir zünden Kerzen an – beides ist gespeicherte Sonnenkraft. Das tröstet uns und macht uns zuversichtlich, dass das Licht und das Leben und die Liebe uns nicht verlassen werden.

Aber was bedeutet das alles? Was wissen wir denn?
Was ist die Sonne? So genau wissen wir das nicht.
Auch wenn wir das existenzielle Phänomen, die Assimilation der Pflanze, in einer Formel darstellen können, bleibt bis heute der eigentliche Vorgang im Clorophyll der grünen Pflanzenzellen unerforscht, genauso wie auch der eigentliche Übergang vom pflanzlichen Traubenzucker ins tiereische bzw. menschliche Leben ein unergründliches Geheimnis scheint.
Wir sehen immer nur das Lebendige, nie aber das Leben selbst, weil genau das das "heilige Mysterium" ist, das wir lebende Menschen vermutlich nie sehen noch verstehen werden, sondern nur glauben können.

Die Kraft, die von der Sonne kommt und über die Pflanzen Leben wird, soll durch den Menschen Liebe werden.
Vielleicht ist das der Sinn des Lebens.

Eine Seele die liebt, ist für die Welt eine kleine Sonne, die Gott ausstrahlt.

Thérèse von Lisieux (1873 – 1897)

Gerste

Ein Tischgebet für Kinder:

Das Brot vom Korn,
das Korn vom Licht,
das Licht aus Gottes Angesicht.
Die Frucht der Erde
aus Gottes Schein,
lass Licht auch werden
im Herzen mein.

 

 

Michael Feiler, Ostern 2016

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