Die Wiese

Pratus

wie sie entstand und was aus ihr wurde
und warum wir Rasen in Blumenwiesen umwandeln sollten.

Etwa 6000 Jahre v. Chr. glich unsere Landschaft einem Mosaik aus lichtdurchfluteten Wäldern, mit sehr großen Waldlichtungen auf denen Blumenwiesen blühten. Jahrtausende lang hielten wilde Weidetier-Herden den Wald in seinen Grenzen und das Gleichgewicht blieb ungestört bestehen, bis der effizienteste Jäger dieser Zeit - der Homo sapiens - die Weidetiere ausrottete. Ohne die Beweidung wurde der Wald immer dichter und finsterer. Als es nichts mehr zu jagen gab, wurde der Mensch sesshaft. Er begann den Wald zu roden und bestellte das Land. Erst seit dieser Zeit ist die Blumenwiese Kulturland, davor war sie Natur.


Eine gesunde, artenreiche Glatthafer-Talwiese mit Margeriten und Wiesen-Salbei

Wieder über Jahrtausende hinweg sorgte der Bauer mit seiner traditionellen Bewirtschaftung des Landes dafür, dass sich auf den Wiesen und Weiden eine ungeheure Artenvielfalt entwickeln und halten konnte. Traditionell, also bis zum Aufkommen der Rauhfuttersilage ab den 1930er Jahren und der Stickstoff-Düngung ab den 1950er Jahren, wurden Wiesen höchstens 2-schürig bewirtschaftet, d.h. zwei mal im Jahr gemäht. Der 1. Schnitt ergab das Heu, der 2. Schnitt das Öhmd. In besonders günstigen Lagen konnte die Fläche evtl. davor oder danach noch einmal beweidet werden.

Der weitere Werdegang der Blumenwiese in unserer Kulturlandschaft ist bekannt. Das Grünland wurde optimiert, auch in unserer Heimat: Flurbereinigt, gespritzt, gegüllt, gehäckselt. Anders lohnt es sich halt nicht unter einer Agrarpolitik für die industriell betriebene Landwirtschaft.

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Lischgras
Eine moderne, ertragreiche aber extrem artenarme Wiese mit Lieschgras

Wiesenblumen und Kräuter mögen keinen Stickstoffdünger und wurden verdrängt. Das enorme Wachstum der Gräser ließ fortan weit mehr als nur 2 Schnitte zu. Statt 2 mal im Jahr mit Sense und Rechen in mehreren Tagen, werden die Flächen heute meist 5 mal oder noch öfter im Jahr, innerhalb weniger Stunden mit Kreiselmäher, Zetter und Häcksler abgeerntet.

Mit dieser Geschwindigkeit kommen Wiesenbewohner nicht klar. Alles was nicht schnell genug wegfliegen, oder im Untergrund verschwinden kann (wobei auch der Untergrund bei den tonnenschweren Maschinen kein sicherer Zufluchtsort ist) hat keine Chance zu entkommen und wird gleich mitgehäckselt: Eier, Raupen, Puppen, Heuschrecken, Zikaden, Käfer, Spinnen, Schnecken, Eidechsen, Frösche, Molche, Igel, Rehkitze, ... alles. Falls doch was überleben sollte, wird es nach jeder Mahd in Gülle ertränkt, denn viel Wachstum braucht viel Dünger.

So kommt es, dass die einst so gewöhnliche Blumenwiese heute nahezu verschwunden ist, verschwunden aus unserer Landschaft und – noch viel schlimmer - aus unserem Gedächtnis, so dass die junge Generation sie nicht einmal vermissen wird. Sie existiert nur noch in den Kindheitserinnerungen der älteren Generation, auf Werbeplakaten und auf Hängen und Bergwiesen, die für das Güllefass unzugänglich sind. Dort müssen sie inzwischen unter besonderen Schutz gestellt werden, damit wir sie nicht verlieren. Mit einem Schwund von 98% ist die gewöhnliche Blumenwiese das gefährdetste heimische Biotop überhaupt, samt den abertausenden darin lebenden Geschöpfen. Nahezu 1/3 unserer heimischen Tier- und Pflanzenarten leben im Lebensraum "Wiese", nicht in den modernen "Grasäckern" (Bild oben), sondern auf den verbliebenen 2% Blumenwiesen. In Anbetracht dessen werden die erschreckenden Zahlen der Krefelder Studie (ext.), wonach ein Insektenschwund von mehr als 75% zu verzeichnen sei plausibel: Nicht nur das Nahrungsangebot, sondern auch der Lebensraum ist weg.

(ext.)
Inzwischen gibt es unter vielen Landwirten Bestrebungen die Situation zu verbessern: Beispiel (ext.) und noch ein Beispiel (ext.)

Aber bitte, schauen wir nicht immer mit erhobenem Zeigefinger auf die Bauern! Was wir auf den Grünflächen in unseren Siedlungsräumen treiben - sei es das öffentliche wie auch das private Grün - ist nicht besser: Kaum sprießt im Frühling der erste grüne Flaum aus dem Rasen, dröhnen auch schon die Rasenmäher und  fortan wöchentlich und vorzugsweise samstags. Wie der Häcksler auf der Wiese, häckselt auch der Rasenmäher alles kurz und klein. Bei Trockenheit muss bewässert werden, es muss gedüngt werden und das „Unkraut“ muss bekämpft werden und das alles - im Gegensatz zum Landwirt - ohne wirtschaftlichen Zwang.
Eigentlich ist doch die Blumenwiese das Normale. Nur ganz gezielt an den Plätzen, auf denen man z.B. liegen will, oder Fußball spielen will, oder die Kinderschaukel und der Sandkasten, oder der Grill und die Sitzgruppe stehen sollen… entscheidet man sich für den Rasen. Eine Besonderheit ist der Englische Rasen, auch der hat in der Gartenkultur seine Berechtigung, ist aber in der Pflege extrem aufwändig und teuer.
Aber irgendwie hat sich das in den vergangenen Jahrzehnten vertauscht, keiner weiß warum eigentlich. Überall ist Rasen, der als solcher aber gar nicht genutzt wird. Nur an ganz vereinzelten Stellen, wo einer besonders öko sein will, oder wo man halt auch was für die Bienen tun will, legt man heute Blühflächen an und steckt eine Infotafel dazu. Was ist da passiert?


"... aber es muss halt ordentlich aussehen im Ort, was sagen denn sonst d' Leut!"

Es ist Zeit wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen und zu erkennen, dass Rasen nicht "ordentlich" ist, dass Rasen nicht pflegeleicht und auch nicht wirtschaftlich ist, dass Rasen ökologisch unsinnig, langweilig und nutzlos ist und keinerlei Erholungswert hat, es sei denn er wird tatsächlich als Rasen genutzt. Es gibt keinen Grund einen Rasen anzulegen, wo man keinen braucht.

Wenn man bedenkt, dass die Flächen der Gärten, Parks und Grünanlagen in unseren Siedlungen zusammen um ein Vielfaches größer sind als die der Blühstreifen, Biotopinseln und Randstreifen der Agrarlandschaft, ja, dass sie sogar größer sind als die der Naturschutzgebiete Deutschlands, dann wird klar und deutlich, dass Naturschutz in Siedlungen eben nicht nur der Tropfen auf den heißen Stein ist!

unter der Margerite
Wann lagen Sie zum letzten mal in einer Blumenwiese?

Begnügen wir uns nicht mit ein paar Hektar Blumenwiesen in fern abgelegenen Naturschutzgebieten, die wir nicht betreten dürfen. Holen wir die Margerite, den Wiesensalbei, die Witwenblume, die Wiesenflockenblume, den Wiesen-Bocksbart und noch viele mehr in unsere unmittelbare Umgebung. In unseren Ortschaften, wo wir leben, können auch sie waschen und blühen und dann kommen auch die Schmetterlinge, die Hummeln und Bienen wieder zu uns zurück und mit all diesem bunten Leben auch die Lebensfreude.

Michael Feiler, 03. Mai 2019

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